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Wir brauchen mehr Ehrlichkeit in der Kommunikation um Marktmechanismen in der Gesundheitswirtschaft

J.M.Mielert, DOPANET Wissen & Kommunikation, Berlin


Wie sehr ökonomische Parameter und Marktmechanismen beispielsweise im extrem profitablen Bereich neurologischer Themen den Alltag in der medizinischen Versorgung betreffen, ist uns allen wage bekannt. Die tatsächlichen Dimensionen jedoch sind den meisten Menschen kaum geläufig, müssen aber bekannt gemacht werden, um zu verstehen, dass der Medizinmarkt ein hochspekulativer, maximal gewinnorientierter Ort ist. Der Markt ist bestimmt von Angebot und Nachfrage und unterscheidet sich vom Konsumgütermarkt nicht ansatzweise.

 

All die wohlklingenden Wünsche nach "Daseinsvor- und fürsorge" sind komplett an der Realität vorbei formuliert, denn Medizin ist ein börsennotierter Handels- und Leistungsinhalt, der von Anlegern bestimmt und befeuert wird. Internationale Handelsstrecken und Patente sind die Grundlage des Alltages, nicht isolierte Begebenheiten in einzelnen Staaten und Versorgungsclustern. Die Infrastruktur ist seit über 20 Jahren international aufgestellt, grosse Fonds kaufen Arztpraxen, Medizinische Versorgungszentren, Kliniken, Apotheken und Therapieplätze samt aller Lizenzen und Patente. Bankenkonsortien finanzieren heute komplette Wirtschafts- und Erwerbssysteme. Ehedem selbstständige Leistungserbringer befreien sich seit einigen Jahren zunehmend aus den Fängen des beschwerlichen Unternehmertums und werden Angestellte internationaler Player.

 

So ist es kein Wunder, dass das traditionelle Denken bei den Berufsständen, Verbänden und nicht zuletzt bei den Konsumenten medizinischer Leistungen und Heilmittel mit Wucht an den töglichen Normalitäten vorbei geht. Der Markt ist beweglich und kaum eine Woche vergeht, in der es nicht zu Transaktionen im Milliardenbereich kommt. Der heute in der Fachpresse publizierte 11,6-Milliarden-Dollar-Deal, mit dem Pfizer seinen Handels- und Produktionspartner Biohaven übernimmt, ist nur beispielhaft.

 

Gesundheitsdienstleister werden oder sind dabei aber nicht "Opfer" der Finanzindustrie, sondern sie dienen sich als willige Verkäufer ihrer Versorgungseinheiten bereitwillig an und kassieren Verkaufserlöse und Dividenden in signifikanter Grössenordnung.

 

Vielfach muss man die Intensionen des Marktes verstehen und begrüssen. Geld beflügelt Ehrgeiz und Innovationen, Geld ist das skalierte Modul des Belohnungssystemes. Das ist umso verständlicher, wenn man weiss, dass beispielsweise ein Arzt viele Jahre zwar lang Fachwissen um medizinische Belange vermittelt bekommt, die Hochschulen jedoch die jungen Ärzte nicht auch nur marginal auf ihr zukünftiges Unternehmertum vorbereiten. Noch nicht einmal betriebswirtschaftliche Grundfertigkeiten werden gelehrt.

 

Zur Wahrheit gehört auch, dass zuweilen diejenigen, die am lautesten nach von der Ökonomie entgekoppelter Daseinsvorsorge rufen, längst selbst Teilnehmer am Markt von Zinsen und Dividenden sind. Medizinische Dienstleistungen sind ein lukratives Anlagegeschäft, Startups sind zuweilen hochrentabel, Personalserviceagenturen werfen ordentliche Beteiligungsgewinne ab und dass "Pflegeimmobilien" als Fondsmodelle inzwischen auch an Kleinanleger vertrieben und mit Kusshand von Marktteilnehmern aller Berufsstände angenommen werden, ist hinlänglich bekannt.

 

Die Gesundheitspolitik muss mit ihren Kunden der Systeme, den Versicherten und Patienten, ehrlicher umgehen. Es ist völlig nebensächlich für den Markt, ob ein Parteiprotagonist oder ein Mitglied eines Parlamentsausschusses oder auch ein Minister diese oder jene Meinung oder Absicht haben. Auch legislative Planungen werden von den Akteuren der internationalen Leistungsketten und der Finanzindustrie eher mitleidvoll belächelt. Es ist völlig unbedeutend, welche politische Parole von welchen Funktionären ausgebracht wird und je mehr der Staat regulativ eingreift, umso sicherer ist die Entkoppelung vom internationalen Wissenschafts- und Versorgungsiveau. Gesundheitswirtschaft ist ein beinhart umkämpfter Markt, nicht ein Spielplatz sozialer Gewissenshaltungen oder Pilotprojekte ohne Bezug zu unumgänglichen Marktmechanismen.

 

Einzig entscheidend sind die Kräfte des Marktes, das Dividendenniveau, der Zinshebel, die Handelskurse, die betriebswirtschaftliche Vorausschau und die Bilanzwerte von Geldgebern in die Systeme. Kein anderer Parameter zählt und selbst die Forschungsstrecken an den staatlichen Hochschulen können nur forschen, wenn die Wirtschaft Geld und Inputs liefert. Und so ist es doch nur allzu logisch, dass Unternehmen und Fonds, die an Krankheiten von Patienten Geld in Hülle und Fülle verdienen, an der Überwindung eben dieser Krankheiten kein wirtschaftliches Interesse haben können, ja haben dürfen. Welcher Anleger möchte erklärt bekommen, dass sein Geld plötzlich weg ist, weil ein Heil- oder Hilfmittel nicht mehr benötigt wird, da die Krankheit - also das Fundament seiner Kapitalanlage - nun überwunden oder geheilt ist?

 

Und daher gehört zur Wahrheit, dass an der Überwindung von hochprofitablen Krankheiten auch die sozialkompetentesten Protagonisten keinerlei Interesse haben. Niemand will sein Geld verlieren und alle halten an den Besitzständen fest. Beschäftigte, Wissenschaft, Leistungserbringer, Verwaltungsmitarbeiter, über 140.000 Mitarbeiter alleine bei den Krankenkassen, 20.000 Angestellte bei den kassenärztlichen Abrechungsstellen, Referenten, Politiker zum Themenkreis, Verbände, Gewerkschaften und viele mehr eint eine konkrete Absicht: sie wollen keine Veränderung und beharren jeder für sich auf ihre Sicherheiten. Die Wirtschaft  muss maximale Gewinne erzielen und der Staat daraus resultierende Steuereinnahmen auf gar keinen Fall verzichten.

 

Krankheiten für immer zu heilen und aus den Marktzusammenhängen zu verbannen, also den Grund für den Umsatz und Gewinn in barer Münze zu beseitigen, liegt in niemandes Interesse. Insoweit ist die Gesundheitswirtschaft bereits im Wortsinne falsch beschrieben. Es ist eine hoch profitable Krankheitswirtschaft, gar zumal eine, der Fehlermanagement und Qualitätssicherung ökonomisch auf die Füsse fällt. Es ist ein Wirtschaftszweig, dessen Intensionen nach rationalen Abläufen ehrlich und deutlich kommuniziert werden müssen. Die Rechnung ist einfach: Personal kostet Geld, Versorgungsdichte kostet Geld. Wir erleben in dieser Weise kein Naturschauspiel, wenn wir von Pflegenotstand reden, sondern wir blicken den von Akteuren bewusst strukturierten Mechanismen des Marktes ins Gesicht.


 

 
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